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13.03.2013

Der Weg nach unten*

Mit dem Bus von Olevano Romano nach Rom

*Hommage an Franz Jung (1888-1963)


Sechs Räder hat der Bus untergeschnallt, die Steig-/
ung zu überwinden.
Christa Reinig Schwalbe von Olevano

1.

Olevano Romano | Am Wald von Serpentara

Im Wald von Serpentara gilt nach wie vor das Gesetz des ewig Schönen, auch wenn die Eichen, innen längst hohl, eine nach der anderen vom Wetter geholt werden. Auf dem Grundstück nebenan das ewige Provisorium, das die Welt zusammenhält, ein Schuppen ganz aus rostigem Wellblech. Am Eingang des Bauernhauses steht mit weißer Farbe der Spruch: „Wenn Ihr eintretet, werdet Ihr es büßen.“
Der Einsetzer nach Rom startet vom Parkplatz. Sein rechtes Rad hat einen leichten Schlag, und die elektronische Richtungsanzeige ist kaputt.

2.

Olevano | Friedhof

Nachts flackern auf dem Friedhof, der von weitem, hoch oben auf dem Monte Celeste, aussieht wie eine spanische Ferienanlage in der Insolvenz, die elektrischen Lichter an jedem Grab, als würden die Toten, weil sie nicht einschlafen können, bis zum Morgengrauen die amerikanischen Mord- und Totschlagserien auf RAI 4 sehen.

3.

Olevano | Casa Baldi

Tagsüber liegt der Geruch von Holzfeuern und verbranntem Laub über dem Ort. Nie weiß man, ob es Nebel- oder Rauchschwaden sind, die an der Casa Baldi vorbeiziehen. Man könnte hier jeder Wirklichkeit entsagen und sich das Essen von Amazon liefern lassen.

4.

Olevano| Busstation

Bei Samuil Marschak gibt es eine Geschichte, in der sich die Tiere vor dem Regen unter den Schirm eines Pilzes flüchten. Je mehr es werden, desto größer wird das Dach. So ähnlich ist es auch mit der Busstation in Olevano, wenn das Gewitter über dem Ort Blitz und Donner zugleich sendet und der Wirt mit den schönen blauen Augen mit geübten Handgriffen den Caffè bereitet und den Grappa nachgießt, während der Bus aus Rom ausbleibt, weil er unten im Tal gestrandet ist.

5.

Olevano Romano | Tunnel

Fünfundvierzig Ohrenpaare hören auf die Geräusche des Tunnels. Fünfundvierzig Ohrenpaare, die nach Cave wollen, Palestrina oder Rom. Jeder Motor, der lauter ist als der eines Pkws, ist die Hoffung auf den Bus. Und immer die Enttäuschung auf den Gesichtern, wenn dann doch ein Lieferwagen aus dem Tunnelmund fährt, ein Traktor, ein Fiat mit defektem Dieselmotor oder ein Lkw mit zwanzig Autos auf dem Hänger, der ungebremst in Richtung Busstation rast, bis er dann doch noch die Kurve kriegt.

6.

Olevano| Busstation

Nachdem ich eine Stunde vergeblich auf den Tunnel gestarrt habe, aus dem diesmal partout kein Bus kommen will, fotografiere ich die alte Digitaluhr von Zeppieri, die, als sie unters Dach der Busstation gehängt wurde, das neue, digitale Zeitalter verkündete. Es ist schon ewig dreißig nach zwölf. 24 Stunden kommt kein einziger Bus. So steht es im Internet: SCIOPERO – STREIK. Eine neue Vokabel.

7.

Olevano | Straßenaltar

Es gibt immer wieder Mitreisende, die sich während der Fahrt an ihren Rosenkränzen festhalten. Sie könnten auch den Sicherheitsgurt benutzen, aber das macht niemand. Einige bekreuzigen sich, wenn der Bus am Marienaltar vorbeifährt. Zum Glück nie die Fahrer. An dieser Stelle der abschüssigen Straße auch nur eine Hand vom Lenkrad zu nehmen, ist zu gefährlich, als dass man sich auf Maria verließe.

8.

Genazzano | Pasolinistraße

Auf der Pasolinistraße in Genazzano ist es wie überall in Italien.
Antike Ruinen, hier eine Nymphengrotte, Müll und Verkaufsannoncen für Häuser. Das Stop-Schild ist nur eine Anregung und das Dolce Vita unsichtbar im Rücken. Von fern das Knattern einer Vespa. Der unbekannte Gast ist schon unterwegs, die Geometrie zu zerlegen.

9.

Cave | Altstadt

Schulschluss in Cave. Schon von weitem sieht man die Hunderten Jugendlichen auf Straße und Gehweg, die schubsen und puffen, rempeln und pöbeln oder von ihren Smartphones abgelenkt sind. Sie alle warten auf den Bus, der nun langsam in die Menge fährt, wie in eine Herde Schafe, die sich auf die Landstraße verirrt hat. Der Bus hält, die Türen bleiben geschlossen, der Busfahrer öffnet ein Fenster und gibt seine Beförderungsbedingungen bekannt. Aus dem Haufen wird eine unordentliche Schlange, die den Bus über die Vordertür stürmt und alles, was aufhält, aus dem Weg räumt. Die bösen Jungs balgen sich um die Heckplätze.

10.

Palestrina | Altstadt

Thomas Mann kam Ende des 19. Jahrhunderts im Schlepptau seines Bruders Heinrich nach Palestrina und soll in der Sofaecke der Casa Bernardi den Teufel als nickenden Mann gesehen haben. Die Stadt wurde in Doktor Faustus gestreift.
Während nach Thomas Mann eine steile öffentliche Treppe benannt wurde, die vom Domplatz fast bis zum Archäologischen Museum führt, hat Heinrich Mann, der einen ganzen Roman über Palestrina geschrieben hat, nur einen winzigen Platz bekommen, auf dem drei Mädchen kichernd auf den Rückenlehnen der Bänke sitzen, weil es auf den Sitzflächen noch zu kühl ist.

11.

Palestrina | Neustadt

Aus dem juxta crucem lacrimosa des Strabat mater von Palestrina tritt plötzlich die Moderne ins Bild, angekratzt, zerzaust und ergraut und doch von betörender Klarheit. Wie der Chor, der desidero singt, als das letzte der drei Häuser im Regen verschwindet.

12.

Zagarolo| Altstadt

Auf der Straße nach Zagarolo blitzt plötzlich, wie eine Fata Morgana, die ideale Stadt hervor. Eine auf einem Felssockel stehende Verheißung mit achteckigem Glockenturm, ein besonnter Steinhaufen mit vor den Fenstern flatternder roter und blauer Wäsche, bis der Bus in die Dunkelheit der engen Gassen eintaucht, wo er geduldig wartet, bis der Lieferwagen vor ihm den Weg nach Rom räumt.

13.

San Cesareo | ex Stazione

Der ehemalige Bahnhofsvorplatz der elektrischen Eisenbahn Roma-Frosinone sieht aus wie das Szenenbild eines Rosselini-Films, der aus Versehen in Farbe gedreht wurde. Eine weite asphaltierte Fläche, wo bis 1982 die Gleise waren und feingeschwungene Pfeiler die elektrischen Leitungen hielten. Der einsame Held ist ein Mann mit schwarzer Hautfarbe, den Rucksack voller Schirme und Sonnenbrillen. Je nachdem, welches Wetter in Rom ist, wird er das eine oder das andere zum Kauf anbieten. Falls der Bus heute noch kommt.

14.

Roma | Città dello Sport

Ist es Welle, Muschel oder Gladiatorenhelm, durch dessen Stahlverstrebungen am Abend die untergehende Sonne scheint? In jedem Fall eine stählerne Landmarke. Rom ist voll von Ruinen aus antiken Zeiten, diese ist eine für das defizitäre 21. Jahrhundert, die unvollendete Città dello Sport, deren Wettkämpfe längst Geschichte sind. Da kann der Berliner Flughafen nicht mithalten, der aussieht wie ein Supermarkt, der schon pleite ist, bevor die Kassen piepen.

15.

Roma | Anagnina, Untergeschoss

In der Grünanlage neben der alten Straßenbahn steht eine Tafel in Erinnerung an die rumänische Krankenschwester Maricica Hahaianu, die hier, neben den Rosen, am 8. Oktober 2010, nach einem Streit im Tabakladen der Bus- und U-Bahn-Station, von dem zwanzigjährigen Alessio Burtone niedergeschlagen wurde. Auf dem Video der Carabinieri sieht man die beiden streitend den Weg in Richtung Bussteige gehen, bis Burtone plötzlich stehenbleibt und der Frau einen Schlag vor die Brust gibt, der sie ungebremst und mit dem Kopf zuerst auf den Boden fallen lässt. Dort bleibt sie liegen, der Schläger wendet sich ab und geht davon. Das Ganze hat 22 Sekunden gedauert. Aber danach vergeht eine quälend lange Minute, in der 15 Leute dicht an der am Boden liegenden Frau vorbeigehen, ohne ihr zu helfen, ehe der erste stehenbleibt und sein Handy herausholt. Maricica Hahaianu ist eine Woche später an den Folgen des Schlages gestorben.

16.

Roma | Viale di Villa Massimo

Die Blechwände mit den Wahlplakaten sind von den Gehwegen verschwunden. Erst wurden die Plakate abgerissen, die Reste von der Wand gewaschen, geknaupelt und gepolkt, bis nur noch ein buntes Kuddelmuddel übrigblieb, das vage an das Wahlergebnis erinnerte. Die Stangen wurden aus den Löchern gezogen, von den Blechen getrennt und abtransportiert. In die Löcher kam Asphalt. Bis zum nächsten Mal.

17.

Roma | Villa Massimo

In der Nacht treten die Dichter und Denker, die Gelehrten und Gelahrten von ihren Sockeln und gehen spazieren. Der Kies knirscht unter ihren Sandalen. Sie fragen mich: „Was hast du hier verloren, du, in deinem Zwischengeschoss, Urenkelin eines Kutschers?“ Die bewaffneten Ränder des Paradiesgartens werfen stachelige Schatten ins Gras.

18.

Roma | Anagnina - Obergeschoss

Ein Tag in Rom. Der letzte Bus. Die U-Bahn hält auf freier Strecke, minutenlang. Mein Vorsprung schmilzt. Von der U-Bahn zum Bus durch schlecht beleuchtete, gekachelte Gänge einer niemals vollendeten Busstation, zum Bussteig 8 am Ende des Tunnels. Noch eine Minute bis zur Abfahrt. Danach kommt keiner mehr, der mich nach Olevano zurückbringt. Ich hetze die Treppe hoch, oben startet der Bus den Motor, atmet ein, schließt die Türen, öffnet sie noch einmal für mich. Außer Atem zwänge ich mich in den schmalen Gang zwischen Tür und Fahrerkabine. Der Automat schluckt meinen Fahrschein und rückt ihn nach großem Getöse bedruckt wieder aus. Alle Plätze sind besetzt. 82 Minuten bis Olevano.

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